DAS PINTORARIUM

Friedensreich Hundertwasser

Ich will mich ständig verbessern.

Durch das krasse Überhandnehmen der schöpferischen Impotenz des Einzelnen, die in der Standardisierung, Sozialisierung, Kopierung, Linealisierung, Ameisenisierung, Sterilisierung und Dosierung ihren Ausdruck findet, hat sich ein neues und furchtbares Analphabetentum herangebildet. Die Verantwortung hierfür trifft die verbrecherische Methodik unseres Unterrichtssystems, das in den Hochschulen, Akademien, Gymnasien und Schulen praktiziert wird. Die systematische und gegennatürliche Lern-, Studier- und Kopiererei von fremdem Wissen vollzieht sich Hand in Hand mit der planmäßigen Abtötung des gestaltenden Wollens. Die durch solcherlei Erziehung erzeugten Personen sind außerstande, die ihnen zugedachte Verantwortung für sich selbst und für uns alle zu tragen. Der offizielle und allgemeine Fortschritt beruht so auf einem fundamentalen Irrtum.

Das Gewissen gebietet uns, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck entschlossen sich die unterzeichneten repräsentativen Vertreter grundverschiedener Pinsel- und Geistesrichtungen, einander die Hände zu reichen und trotz schwerwiegender weltanschaulicher Differenzen gemeinsam das Pintorarium zu gründen.

Alle drei Unterzeichneten haben in den letzten zehn Jahren selbständig und unabhängig einen fruchtbaren Kampf in Europa geführt, der sowohl pintoral als auch problematisch seine Auswirkungen zeitigt. Alle drei sind selbständig mit eigenen Philosophien vor die Öffentlichkeit getreten, wovon eine Fülle von Theorien, Schriften, Vorlesungen, Manifestationen, Demonstrationen und Ausstellungen zeugen.

Das Pintorarium ist eine Brutstätte zur Heranbildung der schöpferischen Elite. Das Pintorarium ist eine Anstalt, in der pintoriert wird (Pintorr). Das Pintorarium ist nicht nur eine Schule des Malens, sondern insbesondere eine Schule des Denkens und des Lebens auch. Das Pintorarium ist ein Geistesplateau, dem eine Pintorektion vorsteht, die berechtigt ist, an eine Anzahl von hochqualifizierten schöpferischen Personen Lehrkanzeln zu vergeben. Diese Lehrkanzeln dienen jedoch nicht dem Unterricht, sondern der gestaltenden autonomen Konzentration. Es sind Schaukelstühle, deren Funktion denen der Badewannen und Betstühle ähnelt. Das Pintorarium ist allen schöpferischen Personen eine Heimstatt ohne Diskriminierung bezüglich der Künste, Kunstrichtungen und Philosophien, Architektur, Dichtung, Film, Musik etc. etc. Nur wird die wunderbare Malerei und deren befruchtende philosophische Vielfalt die Zentralsonne sein, die das Pintorarium durchflutet. Die drei Unterzeichneten (Pintorektoren) sollen keine Vormachtstellung einnehmen, auch nicht beispielgebend sein, sondern nur das Bewußtseinwerden einer niemals abreißenden und sich verzweigend vermehrenden Kette von gleichberechtigten schöpferischen Tätern verkörpern.

Grundsatz des Pintorariums ist die individuelle Autonomie. Nacheiferungen sind untersagt. Vorbilder gibt es nicht. Studierende, Lernende und Schülernde finden im Pintorarium weder Halt noch Ansatzpunkt. Ihnen wird kein Strohhalm gereicht. Jedoch vertritt jeder dort tätige oder nicht tätige Körper seine ihm eigenen Thesen.

Meine Thesen sind: Die Verschimmelung und deren Theorie. Die Erneuerung der Architektur durch die Verschimmelung. Die Dreieinigkeit der Architektur. Die Verwesung der rationalistischen Architektur. Aufhebung der Bauzensur. Spiraloides und fluidoides Malen. Die Lehre der Erosion. Man darf dort auch Tiere züchten und die Pflanzen lieben. Die Grammatik des Sehens. Der Transautomatismus = allgemeine Mobilmachung des Auges. Die Lehre vom transautomatischen Objekt (tao), seine Betrachtung und Erzeugung. Die Lehre der unendlichen Schichten = Ismen. Bekämpfung der schöpferischen Impotenz. Das Bespannen der Leinwand mit Papier. Die Kostbarkeit der Farben. Das Barfußgehen. Durch das Weizenessen zur Unabhängigkeit. Der Narzissismus. Der Egoismus als alleingültige Form des Altruismus. Die wirksamen Waffen. Die richtige Zweiteilung: schöpferisch – nicht schöpferisch ersetzt die falsche von gut – böse. Das Labyrinth als Ordnung. Das Auge. Das Liebenlernen der politischen Symbole als graphisches Zeichnen. Die Werte der Straße und des Trottoirs. Die Bombenwürfe. Sich hinlegen aufs Trottoir.

Nicht nur die Haltung, sondern auch die Kleidung der Pintorarier ist ausgezeichnet, individuell, farbenprächtig und raffiniert. Keine weißen Kittel. Keine schlechten Gerüche. Man beschmutzt sich nicht. Das architektonische Gefüge des Pintorariums unterliegt keiner wie auch immer gearteten Bauzensur. Jedoch verbleibt zwecks Verschimmelungs- und Geldentwertungsdemonstrationen ein Saal in den üblichen rechteckigen Proportionen. Es wird permanent gebaut. Es wird nichts zerstört.



Wir rufen die österreichische Jugend auf, die bestehenden öffentlichen und privaten Kunsthoch- und Philosophieschulen nicht mehr zu besuchen und mitzuhelfen, das Pintorarium mit der ganzen Kraft ihres schöpferischen Verlangens aufzubauen. Wir fordern die philosophische Fakultät der Universität Wien auf, sich aufzulösen und sich dem Pintorarium anzuschließen. Wir fordern die österreichische Bevölkerung auf, ab sofort der Automatisierung, Sterilisierung und Uniformierung mit passivem Widerstand zu begegnen. Kauft keinen Teller, keinen Gebrauchsgegenstand mehr, von dem ihr wißt oder annehmt, daß er in Serie erzeugt worden ist. Um nicht mitschuldig zu werden, weigert euch, Gegenstände serienmäßig herzustellen. Haltet euch von jeglichen Organisationen, Gemeinschaften und Gruppen fern, denen anzugehören euch Gewerkschaften, Militär, Schule, Religionen, Philosophien und Parteien nötigen wollen.

Laßt euch nicht erfassen. Seid keine Nachfolger. Geht in euch. Seid euch bewußt, daß Radio, Zeitung, Film, Reklame, Television Unterjochungswerkzeuge sind. Begegnet allem Linearen mit Mißtrauen. Traget keine gerade Linie mit euch herum.

Das Pintorarium erzwingt Erziehungsformen, insbesondere die Aufhebung der Schulpflicht und deren Ersetzung durch die wunderbare Gestalterei (Schöpferei). Das Pintorarium ist Ausgang einer geistigen Revolution. Volle Steuerfreiheit für Handwerker und Bauern.

Ich werde versuchen, meinem schöpferischen Gewissen gemäß das Beste zu geben und in meiner autonomen Tätigkeit nie zu erlahmen.

Ich will nicht vertrotteln.

 

Geschrieben und veröffentlicht: 1959 in Wien als Manifest. Am 17. September 1959 gründeten die Künstler Ernst Fuchs, Hundertwasser und Arnulf Rainer in Wien das »Pintorarium«. Im Beitrag von Hundertwasser sind deutlich die Gründe und Ziele angegeben. Sie lassen erkennen, daß hier einer der ersten Versuche nach dem Zweiten Weltkrieg unternommen wurde, das linienförmige Fortschrittsdenken und -handeln anzuzweifeln und nach anderen Dingen, Gedanken und Wegen zu suchen. 

Publiziert in:

Kataloge zur Welt-Wanderausstellung 1975–1987: Französische Ausgabe:Paris, Luxemburg, Marseille, Kairo, 1975; Kopenhagen, Dakar, 1976; Montreal, Brüssel, 1978. Deutsche Ausgabe: Köln, 1980; Wien, Graz,> 1981. Schurian, Walter (Hg.): Hundertwasser – Schöne Wege, Gedanken über Kunst und Leben. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv): München 1983, S. 123-126 und Ausgabe 2004 (Langen Müller Verlag, München), S. 144-146 Das Hundertwasser Haus. Österreichischer Bundesverlag/Compress Verlag: Wien 1985, S. 50-51 Hundertwasser Architektur. Für ein natur- und menschengerechteres Bauen. Taschen: Köln 1996, S. 50-51 Katalog zur Ausstellung Hundertwasser – Kunst – Mensch – Natur. Minoritenkloster, Tulln 2004, S. 102 (Auszug) Hirsch, Andreas (Hg.): Hundertwasser – Die Kunst des grünen Weges, Ausstellungskatalog KunstHausWien. Prestel Verlag: München 2011, S. 108 (Auszug) Grunenberg, Christoph und Becker, Astrid (Hg.): Friedensreich Hundertwasser. Gegen den Strich. Werke 1949-1970, Katalog zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen. Hatje Cantz Verlag: Ostfildern 2012, S. 148-149