MEINE AUGEN SIND MÜDE

Friedensreich Hundertwasser

Ich bin schon ganz vertrottelt von der abnormalen allgemeinen Trägheit, die immer mehr zunimmt – daß ich nicht mehr richtig unterscheiden kann, was ich gewissenhaftermaßen besser tun oder lassen soll. Ich muß zugeben, auch ich bin in dem schauerlichen Netz gefangen und werde umso müder, je älter ich werde, mich mit den Maschen herumzustreiten, die jetzt quadratisch geworden sind. Mein Ruhm interessiert mich momentan nur insoweit, als er auf schöne Frauen Eindruck macht. Doch leider haben die, die mir gefallen, noch nie etwas von mir gehört. Vielleicht wird es nach dieser Ausstellung besser.

Da war ein schöner, kleiner Bombentrichter noch vor zwei Jahren in der Oberen Donaustraße, Wasser war darin, und man ging um ihn herum. Jetzt komme ich zurück und finde ihn nicht mehr. Die Gemeinde, oder wer es auch immer war, soll sich nichts einbilden aufs glatte Trottoir. Der Krieg hat uns die Erde in die Stadt geschenkt; anstatt sie festzuhalten, hat man sie noch mehr vergewaltigt als je zuvor. Muß denn wieder ein Krieg kommen, ein noch scheußlicherer?

Die Erde wird sich rächen, und wenn die Erde sehr wahrscheinlich sehr bald wieder revoltieren wird, werde ich nichts dafür gekonnt haben. Daß man 1920 das Trottoir und die Hauswände glatt machte, war notwendig, doch 1957 ist es Wahnsinn, den ich nicht begreife. Die Bombenwürfe von 1943 waren perfekte automatistische Formenlehren, die gerade Linie und deren leere Gebilde sollten zertepscht und zermörsert werden, wurden es auch. Im Anschluß daran hätte normalerweise ein Transautomatismus einsetzen sollen: der ist weder Stuck noch stramm, weder schief noch krumm oder rund, weder zufällig noch betrunken, noch Zersetzung, sondern ganz einfach Wissen um die wahre Ordnung, die sich gestaltend fortsetzt und die überall dort ist, wo der rechteckige oder besoffene Mensch sie nicht knebelt.

Da die Erosion durch den Transautomatismus kontrollierbar geworden ist und alles bisherige sowieso falsch ist, so ist das einzig richtige was man jetzt mit etwas Verantwortungsgefühl tun kann: Kritische Verwitterung betreiben:Spiraloide und fluidoide Aktivitätsübungen. Schöpferische Verschimmelung betreiben wäre dann das Nächste zu tun. Denn nach der Geometrie kommt die schnelle Explosion, nachher die langsame Explosion, nachher die Verwitterung, nachher die Verschimmelung. Haben wir den Schimmel erst begriffen, so ist der Weg für eine neue Gestaltung für eine Weile wieder frei.

Doch man baut Würfel, Würfel! An den 90grädigen Ecken von Wien. Wahnsinn. Wahn. Wo bleibt das Gewissen, wenn schon nicht der Masse so doch der Anderen? Und das, obwohl es schon 1957 ist. Wahnsinn. Besser ist es, die Leute abzuknallen oder im Mutterleib umzubringen, als sie in Serienwohnungen zu setzen oder sie aus Tellern essen zu lassen, von denen es schon tausend Abgüsse gibt, und gerade die formschönen sind die gefährlichsten. Schauerlich. Oder wenn sie in Schachteln hausen, die sie nicht selbst gebaut haben und die sie weder umgestalten dürfen noch können, selbst wenn man ihnen diese Freiheit gäbe.

Wo die Leute auf gemeinste Weise gezwungen werden, aufzuhören, Mensch zu sein, schon durch unser alles zertötendes Erziehungssystem, das uns erst das wirkliche Analphabetentum, nämlich die Impotenz zu gestalten, gebracht hat, und wo die Leute dann ärger als das Zuchtvieh, aber in Menschengestalt, sozusagen weiterleben. Kein Vergleich. Denn all das ist noch tausendmal mehr wahrer Mord, die Sünde gegen das 5. Gebot.

Mit dem Geld, das ich mit meiner Malerei verdiene, habe ich diesen Katalog bezahlt (ungefähr sechstausend Schilling) und heuer ein schönes Automobil und ein Haus in Frankreich gekauft. Maler sein ist kein Hungerleiderberuf, denn man kann damit schnell reich werden.

 

Geschrieben 1957 in Paris für eine Ausstellung in der Galerie St. Stephan in Wien (17. Oktober - 24. November 1957)

Publiziert in:

Blätter und Bilder, Nr. 7, Würzburg 1960
Schurian, Walter (Hg.): Hundertwasser – Schöne Wege, Gedanken über Kunst und Leben. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv): München 1983, S. 93-94 und Ausgabe 2004 (Langen Müller Verlag, München), S. 116-117
Das Hundertwasser Haus. Österreichischer Bundesverlag/Compress Verlag: Wien 1985, S. 44 (Auszug)
Hundertwasser Architektur. Für ein natur- und menschengerechteres Bauen. Taschen: Köln 1996, S. 45 und erweiterte Neuausgabe 2006, S. 33 (Auszüge)
Grunenberg, Christoph und Becker, Astrid (Hg.): Friedensreich Hundertwasser. Gegen den Strich. Werke 1949-1970, Katalog zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen. Hatje Cantz Verlag: Ostfildern 2012, S. 112